Irgendwie anders!?! – Über die sozio-emotionalen Auswirkungen von Dyspraxie

Vielleicht habt ihr mich in den letzten Wochen vermisst, kein Wunder, denn ich war im Kurzurlaub – auf einer Reise in die Lebens- und Denkwelten dyspraktischer Jugendlicher. Mit diesem Beitrag erhoffe ich mir daher all denen ein Sprachrohr zu sein, die ihre Probleme und Schwierigkeiten selbst (noch) nicht so gut in Worte fassen können. Entweder, weil sie sich sprachlich nicht ausdrücken können oder einfach, weil sie noch zu jung sind, um Worte für das zu finden, was sie erleben. Ich habe mich hierfür durch viele englischsprachige Selbstbeschreibungen und Erfahrungsberichte gelesen und versucht, Erklärungen für das zu finden, was sich oftmals salopp und nichtssagend hinter Fachausdrücken verbirgt.Wie sehen die vielfach zitierten Ängste konkret aus? Wie entstehen sie?  Was belastet Betroffene besonders? Worunter leidet die Lebensqualität am meisten?

Soziale Unsicherheit und die Spirale der Angst

Zwischenmenschliches und sozio-emotionale Aspekte spielen eine besondere Rolle im Zusammenhang mit der Lebensqualität dyspraktischer Kinder und Jugendlicher (und wohl auch Erwachsener). Nicht nur, dass sie durch ihre motorischen (und ggf. sprachlichen) Einschränkungen mitunter stark beeinträchtigt werden. Auch die Entstehung sozialer Ängste und angstbesetzter Gedanken belastet die meisten stark – einige bezeichnen sie gar als das größte Übel an ihrem Handicap.

Negative Rückmeldungen und die Thematisierung eigener Besonderheiten durch das Umfeld sind langfristig die Auslöser von Gefühlen sozialer Unsicherheit: Esse ich gerade ordentlich? Habe ich mir nach dem Essen den Mund abgewischt oder nicht? Soll ich versuchen, den Ball noch zu erreichen oder sieht es komisch aus, wenn ich dort hinspringe? Betroffene beschreiben diese Gedanken wie eine Art „Korsett“, das dazu führt, sich nicht mehr intuitiv verhalten zu können, sondern sich  ständiger  Selbstbewertung und -beobachtung zu unterwerfen – ihr Kopf ist quasi immer zwischengeschaltet und zwingt ihnen ein unsicheres, introvertiertes Verhalten auf, welches von Außenstehenden oft als extreme Schüchternheit wahrgenommen wird.

Aber was genau ist denn anders?

 „Als ich meinen Sohn letzthin bat, das Licht an der Decke anzuschalten, schaute er sich kurz um und wickelte sich dann zufrieden in die vor ihm liegende Decke ein(Chiara, 37 J.)

Vier Punkte werden von Betroffenen immer wieder thematisiert, wenn es darum geht, Probleme im zwischenmenschlichen Bereich zu beschreiben. Hierzu gehören die Schwierigkeiten, Augenkontakt zu halten und die eigene Sprechlautstärke zu regulieren sowie Aufmerksamkeits-/Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis.

Ich höre dir zu, auch wenn ich dich nicht ansehe.

Mangelnder Blickkontakt führt beim Gegenüber schnell zu einem Gefühl von Desinteresse am Gesagten und wird als unhöflich oder abweisend empfunden. Deswegen ist umso fataler, wenn Blickkontakt trotz des bestehenden Wunsches zuzuhören und dem Interesse an der Kommunikation, nicht gezielt gehalten werden kann. Leider habe ich bisher noch keine wirklich gute Beschreibung der Gründe gefunden, die zum Mangel an Blickkontakt führen. Betroffene beschreiben, dass er zu einer Art Unwohlsein fühlt und es Ihnen leichter falle, sich auf das Gesagte zu konzentrieren, wenn dabei kein Augenkontakt gehalten werden muss. Also quasi visuelle von auditiver Information entkoppelt wird. Von fachlicher Seite her wird angenommen, dass Menschen mit Dyspraxie Schwierigkeiten haben, Körpersprache richtig zu deuten und auch selbst einzusetzen, hierunter fällt neben anderem (z. B. Schulterzucken, Kopfschütteln oder Nicken usw.) auch der Augenkontakt (vgl. Talukdar 2012). Wiederum andere gehen davon aus, dass die Kontrolle über die Augenbewegung schwer falle, da es sich hierbei um eine muskelgesteuerte Bewegung handelt, die nicht gezielt umgesetzt werden kann (vgl. ARTE Beitrag X:enius vom 01.03.2017).

Schrei doch nicht immer so…!

 Die eigene Lautstärke an den jeweiligen Kontext anzupassen, ist eine Fähigkeit, die den meisten in der Regel ohne große Schwierigkeiten von der Hand geht. Für sie ist es normal, in einer Diskussion auch mal bestimmter zu sprechen, bei Bedarf zu flüstern oder auf einem Konzert auch mal zu schreien, um sich neben wummernden Boxen mit dem Nachbarn zu unterhalten. Zu Schwierigkeiten kommt es dann, wenn – wie von vielen Dyspraktikern beschrieben – Lautstärke und Umgebung nicht richtig aufeinander abgestimmt werden können und jemand beispielsweise den kompletten Bus unterhält oder der halbe Schulhof intime Gespräche der Clique mitbekommt.

Jetzt bleib doch mal still sitzen!

Hibbelei und motorische Unruhe sind Verhaltensweisen, die nicht selten zu der Annahme führen, dass es sich bei einer Dyspraxie um ADHS handele. Wenngleich nicht ausgeschlossen ist, dass ein Dyspraktiker hinzukommend auch an ADHS leiden kann, ist dies in einer Vielzahl der Fälle jedoch nachweislich nicht der Fall. Der „Störenfried-Charakter“ der mit einem solchen Verhalten einher geht, z. B. im Kino oder auch einfach nur, wenn der Sitznachbar in der Schule dauernd auf seinem Stuhl hin und her rutscht, ist offensichtlich. Betroffene beschreiben als Ursache des Bewegungsdrangs häufig „müde Hände“ zu haben, einfach nicht mehr zu können. Langes Sitzen führe außerdem zu Schmerzen in Gelenken, Rücken oder Nacken, was Bewegungsdrang auslöse. Sie führen dies zum Teil selbst auf ihre hypotone Muskulatur zurück. Unter Umständen sind hier auch Probleme mit dem Gleichgewicht bzw. der Tiefensensibiltät ursächlich, wie in der Fachliteratur ergänzend beschrieben wird – Ausgleichsbewegungen und Bewegungsdrang dienen dann der Kompensation mangelnden Gleichgewichts (z. B. Patrick 2015, S. 36).

Gruppendiskussion oder: Wer hat jetzt gerade was gesagt?

Obwohl Dyspraktiker in der Regel keine Probleme mit dem Hören haben, weisen sie oft Schwierigkeiten mit der auditiven Verarbeitung auf – subjektiv wird dies als die Schwierigkeit, Gesagtes aus mehreren Gesprächen herauszufiltern, beschrieben. Sich z. B. in einer Menge sprechender Leute nur schwer darauf konzentrieren zu können, was das Gegenüber zu einem sagt oder strukturiert einer durcheinandergehende Gruppendiskussion zu folgen. Kleine Gruppen bzw. 1:1-Situationen werden daher von den meisten bevorzugt.

Und was kann man tun?

Umweltbegebenheiten steuern und so zum Wohlbefinden beitragen! Alle Betroffenen geben an, kleinere Gruppenkontexte – in denen entsprechend weniger Geräuschkulisse vorherrsche – großen Gruppen gegenüber zu bevorzugen. Da man hier hinzukommend schneller miteinander vertraut werde und sich gegenseitig einzuschätzen lerne, falle es leichter, soziale Ängste und Unsicherheiten zu kompensieren und intuitiver zu handeln.

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Quellen:

Think outside of the cardboardbox (http://thinkoutsideofthecardboardbox.blogspot.de/2015/08/the-social-side-of-dyspraxia.html; 20.02.2017)

The Blog with (more than) one post (https://theblogwithonepost.wordpress.com/; 20.02.2017)

Dyspraxia – Living it my Way (https://www.facebook.com/dyspraxialiving/?fref=ts; 20.02.2017)

Victoria Biggs (2014): Caged in Chaos. A dyspraxic guide to breaking free. 2. erw. Auflage. Jessica Kingsley Publishers.

Dyspraxia Blog (http://dyspraxiablog.blogspot.de/ ; 24.02.2017)

DyspraxicFantastic (http://www.dyspraxicfantastic.com/ ; 24.02.2017)

Talukdar Afroza (2012): Dyspraxia/DCD. Pocketbook. Tipps, tools and techniques for understanding and suppoerting children with Dyspraxia/Developmental Co-ordination Disorder. Teacher’s Pocketbooks.

Patrick, A. (2015). The Dyspraxic Learner. Strategies for Success. JK Publishers, London & Philadelphia.

X:enius Wissensmagazin zum Thema „Wie lebt es sich mit Dyspraxie?“(2015) ausgestrahlt auf ARTE am 01.03.2017; im Internet verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=8xbANboUjUs

Dyspraxic Mindset – Mentalität und Denkwelt von Dyspraktikern

Ein im deutschsprachigen Raum kaum beschriebener Aspekt sind die Besonderheiten kognitiver Prozesse beim dyspraktischen Kind. Alison Patrick beschreibt in ihrem Buch „The dyspraxic learner – Strategies for success“ hierzu unterschiedliche Stärken und Schwächen in der Kognition. Neben Erfahrungen aus ihrer eigenen Berufspraxis als speziell ausgebildete Lehrerin für Schüler/Studenten mit spezifischen Lernstörungen, verweist sie hierbei vielfach auf (größtenteils medizinische) Studien aus dem englischsprachigen Raum und wirft darüber hinaus auch Fragen auf, die aus ihren eigenen Beobachtungen erwachsen sind.

Patrick nennt und beschreibt als kognitive Stärken dyspraktischer Kinder: Verbale Intelligenz, Sinn fürs Detail, Kreativität, Querdenken, Erfindungsreichtum, Empathie, Entschlusskraft/Verbissenheit, Motivation sowie strategisches, ganzheitliches, konzeptionelles und problemorientiertes Denken (S. 25f). Hierbei betont sie immer wieder die besonderen Schwierigkeiten und Herausforderungen die sich dabei ergeben, dieses Potential auch gewinnbringend umzusetzen. Spezielle Förderung ist aus ihrer Sicht daher extrem wichtig.

Zu den Schwächen zählt sie neben den im deutschsprachigen Raum üblicherweise genannten (wie Planung und Organisation, Konzentration, auditive und visuelle Prozesse) in erster Linie Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis sowie sensorische Hyper- oder Hyposensibilität. Zu ersterem führt sie auch Beobachtungen der Dyspraxia Support Group of New Zealand an, einer seit 1992 existierenden, über 1000 Mitglieder fassenden Vereinigung aus Betroffenen, deren Familien und Fachleuten (http://www.dyspraxia.org.nz) und weist auf diverse, von der University of East London identifizierte Folgen hin, die sich hieraus für Lernende ergeben (S. 29): Vergesslichkeit, Schwierigkeiten beim Wiederholen von gerade Gehörtem sowie Erinnern an Anweisungen, erschwerte Informationsgewinnung und Probleme beim Verständnis von Gruppendiskussionen, erhöhte Ablenkbarkeit und Schwierigkeiten bei Kopfrechnen, Multi-Tasking und Zeitmanagement bzw. Organisation.

Wie für alle anderen Anzeichen von Dyspraxie gilt auch hier: Jeder Mensch ist individuell und weist unterschiedliche Kompetenzen auf. Nicht alle Stärken und Schwächen müssen gleicher Art ausgeprägt sein. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass ein unter Schwäche aufgeführter Aspekt ganz im Gegenteil gar eine besondere Stärke sein kann. Nicht alle Dyspraktiker haben Schwierigkeiten mit dem Kurzzeitgedächtnis und nicht jeder ist kreativ.

Quelle: Patrick, A. (2015). The Dyspraxic Learner. Strategies for Success. JK Publishers, London & Philadelphia, Kap. 1.

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Buchstabensalat und Linienchaos  – Schriftspracherwerb mit Dyspraxie

Sich im Raum zu orientieren, stellt viele Dyspraktiker vor ein großes Problem. Dies gilt nicht ausschließlich für die Orientierung in Gebäuden oder auf Straßen, sondern ganz allgemein. So zum Beispiel auch bei der Orientierung auf einem Blatt Papier. Jüngere dyspraktische Kinder malen daher häufig grob über den Rand, auch das Ausmalen und Anordnen von Dingen auf dem Blatt fällt schwer. In der Schule ergeben sich später oft Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, da betroffene Kinder sich schnell im Chaos von Buchstaben und Linien verlieren. Gepaart mit den motorischen Anforderungen, die das Schreiben mit sich bringt, ist der Schriftspracherwerb  häufig eine schwierige und zeitaufwendige Herausforderung.  

Eine Firma, die sich auf Kinder mit Dyspraxie oder anderweitig begründeter Orientierungsschwäche spezialisiert hat, ist die französische Firma Serpodile. Neben Apps und Lernmaterialien zum Thema Schriftspracherwerb (Buchstaben und Zahlen) bietet sie auch speziell entwickelte Schreibhefte für die Schule an. Serpodile hat hierfür ein leicht eingängiges und gut einprägsames Konzept entwickelt, welches ich im Folgenden kurz vorstellen werde.

Als ich das erste Heft von Serpodile in der Hand hielt und aufschlug, dachte ich, dass mich das Chaos an Farben und Linien schlichtweg erschlägt. Ähnlich desorientiert müssen sich betroffene Kinder im Umgang mit normalen Schulheften fühlen. Das Konzept hinter den Farben ist jedoch sehr eingängig und nachvollziehbar, wodurch es schnell möglich wird, sich zu orientieren. Grundlegend arbeitet Serpodile mit zwei strukturierenden Elementen: Einer Umrahmung der Seite zur Begrenzung des Papiers, sowie verschiedenfarbigen Linien zum Schreiben (ähnlich dem Vierlinienprinzip für Schreibanfänger in Deutschland).

Der Rahmen

Der Rahmen wird repräsentiert durch die Farben Braun, wie die Erde (unten) und Blau, wie der Himmel (oben). Von Links- nach rechts wird mit dem Ampelsystem gearbeitet: Wir schreiben links (grün) los und stoppen rechts (rot).

Die Linien

Die wichtigste der Linien ist die braune Linie (Erde), auf der die Buchstaben gesetzt werden. Die grüne Linie repräsentiert das Gras. Der Großteil der Buchstaben erwächst zwischen Erde und Grasgrenze. Bei der gestrichelten Linie zwischen den beiden handelt es sich um eine Hilfslinie, die sog. Freundschaftslinie, auf der sich Buchstaben „die Hand reichen“ (gemeint ist die geschwungene Verbindung bei der Schreibschrift). Nach oben hin wird das Schriftbild durch den Himmel begrenzt (blaue Linie). Einige Buchstaben wie z. B. „l“ oder „b“ wachsen über das Gras hinaus bis in den Himmel. Andere reichen tiefer in die Erde (z. B. „g“ oder „q“), sie enden jedoch an der roten Linie (Feuer). Durch spielerische Erklärungen und Elemente kann hier gearbeitet und korrigiert werden. In jedem Heft findet sich auch noch einmal die Erklärung der Methode (in französischer Sprache) sowie Ideen zur spielerischen Vermittlung des Schreibens.

Leider ist der Preis für die Hefte deutlich höher als der für gängige Schulhefte. Bitte beachtet aber, dass die Methode von Serpodile urheberrechtlich geschützt ist. Wer Interesse hat Serpodile zu testen, findet alles was er braucht im Webshop von Serpodile (http://www.serpodile.com) oder im APPstore bzw. bei Googleplay (Apps). Da die Schreibhefte eine ISBN besitzen, können sie auch über den Buchhandel bezogen werden. Wenn jemand Serpodile bereits getestet hat oder dies plant, freue ich mich sehr über seine/ihre Erfahrungen!

Über den Tellerrand schauen…

Herzlich Willkommen auf dysPRAKTISCH, dem Sprachrohr für internationale Erkenntnisse zum Thema Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (Dyspraxie). Hier wird es konkret darum gehen, den Wissensvorsprung anderer Länder auch für die Eltern betroffener Kinder in Deutschland nutzbar zu machen und Impulse für eine Übertragung in den schulischen Bereich zu setzen.

Wenn du umfassende Hintergrundinformationen zum Erkrankungsbild und den Auswirkungen suchst oder Dir Kontakte zu anderen Betroffenen bzw. Eltern wünschst, empfehle ich Dir den Besuch der Seite Dyspraxie-Online – dort wirst du fündig.

dysPRAKTISCH hat aktuell seinen Schwerpunkt auf dem englischsprachigen Raum und rund um das Thema Grundschulalter. Wenn Du Lust hast, bei dysPRAKTISCH mitzuarbeiten und/oder weitere Schwerpunktbereiche (z. B. Jugendliche, französischsprachigen Raum) bearbeiten möchtest, kontaktiere mich gerne über das Kontaktformular.